Ehrenamtliches Engagement in Verbänden

von Prof. Dr. Markus Lehner

 

1. Verbandliches Ehrenamt als Auslaufmodell?

Vor vier Jahren fand in diesem Hause eine Tagung statt zum Thema 'Das neue Ehrenamt zwischen Engagement und Professionalität'. In seinem Eröffnungsreferat charakterisierte Pfarrer Dieter Brandes die Stimmungslage folgendermaßen: "Es scheint mir zur Zeit ein Paradigma der Berichterstattung zu sein, dass Wohlfahrtsorganisationen und ehrenamtliches Potential gegenübergestellt werden. ... Ein Bündel der Kritik zielt auf die Wohlfahrtsverbände, als ob es dort nur das alte Ehrenamt gäbe ..., während das neue Ehrenamt, in diesen Fällen dann bürgerschaftliches Engagement genannt, ... sich außerhalb der Großorganisationen herausbildet. Der Begriff des Ehrenamts wird zum Synonym für Unattraktivität, das Ehrenamt in Verbänden wird mit dem Attribut alt versehen, als vom Aussterben bedroht hingestellt."

 

Doch Totgesagte leben bekanntlich lang! Blättert man im aktuellen Jahresbericht der CKD, so spürt man kräftige Lebenszeichen des sogenannten alten Ehrenamts. So muss man sich wohl fragen, was denn hinter dieser Gegenüberstellung von 'altem' und 'neuem' Ehrenamt steht. Ursprünglich eigentlich nur eine gedankliche Hilfskonstruktion in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Diese steht vor der gesellschaftlichen Wirklichkeit in ihrer ganzen Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit. Ein österreichischer Bundeskanzler hat das Problem einst in einer Fernsehdiskussion mit dem legendären Satz auf den Punkt gebracht: "Es ist alles sehr kompliziert!" Von Wissenschaftlern erwartet man sich, dass sie auch komplizierte Dinge verstehen und erklären können - dafür werden sie schließlich bezahlt - und in den Sozialwissenschaften versucht man das gerne mit einem einfachen Trick: der Herausarbeitung von Typen.

 

Konkret gesagt: Man nimmt die vielfältigen Formen ehrenamtlichen Engagements in den Blick, von Mandataren in der Kommunalpolitik bis zu den Freiwilligen im Sanitätsdienst, vom Unterstützungsleistungen in der Nachbarschaft und im Wohnviertel bis zu Verbandsvorständen. Will man verstehen, welche Entwicklungen sich hier im Zeitablauf ereignen, so hilft die einfache Frage, was früher typische Kennzeichen waren, und was heute typisch ist. Dabei ergeben sich einige Beobachtungen: Früher engagierten sich Menschen vor allem in dem weltanschaulichen Umfeld, in dem sie aufgewachsen waren - heute ist eher wichtig, dass ein Engagement aktuell in die eigenen Lebensumstände (Familiensituation, Arbeit, ..) hineinpasst. Früher trat man meist einer anerkannten Organisation bei, heute organisieren sich viele Menschen das Umfeld ihres Engagements selbst, gründen etwa Selbsthilfegruppen oder spontane Bürgerinitiativen. Engagierte man sich in einer etablierten Organisation, so war dies eher eine Angelegenheit auf Dauer, während viele Menschen heute leichter für einen zeitlich befristeten Einsatz zu gewinnen sind. Dabei ist auch wichtig für sie, dass sie selbst einen persönlichen Gewinn aus dem Engagement spüren, während früher häufiger Gefühle des Pflichtbewusstseins einer Gemeinschaft gegenüber motivierend waren. Es war früher auch klarer, dass Ehrenamt klar abgegrenzt ist von Berufsarbeit und dass es gratis erfolgt. Heute gibt es mehr fließende Übergänge, etwa ehrenamtliches Engagement als Einstieg in die Berufswelt, und es gilt nicht als verpönt, zumindest über den Ersatz von Spesen zu reden und zu fragen, wieweit man im Ernstfall versicherungsmäßig abgedeckt ist.

 

Für diese Beschreibung typischer Merkmale ehrenamtlichen Engagements früher und heute wurde dann die knallige Gegenüberstellung: 'altes' und 'neues' Ehrenamt gefunden. Sie ist deshalb problematisch, weil in diesen Begriffen in unserer modernen westlichen Gesellschaft eine Wertung mitschwingt. 'Neu' ist besser als 'Alt' lautet das zentrale Credo des Fortschrittsglaubens der europäischen Gesellschaft. Wenn dann auf dieser Basis auch noch Politik gemacht wird, ob auf der Ebene öffentlicher Engagementförderung oder innerverbandlich, dann wird die Sache erst recht problematisch. Diese kritische Sicht ändert allerdings nichts am harten Kern der ursprünglichen sozialwissenschaftlichen Analyse. Viele dieser Vergleichspunkte zwischen heute und früher werden gerade jenen, die schon länger im Ehrenamt tätig sind, durchaus plausibel erscheinen.

 

Noch eine zweite wissenschaftliche Argumentationslinie gibt Grund zur Skepsis im Blick auf verbandliches Ehrenamt. Sieht man die CKD als Teil das katholischen Verbandswesen, so sagt uns die Katholizismusforschung, dass die Blütezeit des Verbandskatholizismus vorüber ist. Die Ursprünge katholischer Laienorganisationen müssen gesehen werden auf dem Hintergrund eines tiefgreifenden Umbruchs im Verhältnis zwischen Kirche und Gesellschaft, der mit der französischen Revolution geschichtswirksam wurde. Das einheitliche Gesellschaftsbild der 'abendländischen Christenheit', von dem vor allem das Mittelalter geprägt war, hat sich aufgelöst. Immer mehr gesellschaftliche Teilbereiche - Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur - laufen nach ihren eigenen Spielregeln. Sie lösen sich vom umfassenden Deutungsmonopol der christlichen Kirchen. Der ländliche Raum und gewisse Gesellschaftsschichten wie das Kleinbürgertum bleiben allerdings von diesen Umbrüchen der Moderne vorerst beinahe unberührt. So etabliert sich im 19. Jahrhundert das Gesellschaftsmodell einer 'eingeschränkten Modernität', wie es der Soziologe Karl Gabriel nennt.

 

Auf der Basis dieser Restbestände einer 'guten alten Zeit' entsteht nun eine neue Sozialform christlichen Lebens, der Milieu- oder Blockkatholizismus. Wenigstens Teilbereiche der Gesellschaft sollen durch den Aufbau einer möglichst geschlossenen katholischen Subkultur vor den Wirren der modernen Zeit bewahrt werden. Das organisatorische Rückgrat dieser katholischen Lebenswelten bildet zum einen ein vielfältiges katholisches Vereinswesen, das von der Wiege bis zur Bahre ein geschütztes katholische Milieu bietet, zum anderen eine katholische Partei. Deren Aufgabe ist es, die kirchlichen Ansprüche und den Wirkungsradius der 'katholischen Weltanschauung' politisch abzusichern. Parallel zu diesem katholischen Block und in Konkurrenz dazu bilden sich auch weltanschaulich anders geprägte Blöcke. Gefestigt wird dieser Milieukatholizismus durch die Kulturkämpfe des späten 19. Jahrhunderts. Sie zeigen, dass organisatorische Stärke notwendig ist, um gesellschaftlich Gewicht zu bekommen. In diesem geistigen Umfeld reift vor gut hundert Jahren auch die Idee eines Deutschen Caritasverbandes, der aus dem reichen und vielfältigen sozialen Engagementpotential im kirchlichen Umfeld eine gesellschaftlich schlagkräftige Organisation formen soll. In dieser Form überdauert der Milieukatholizismus bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts.

 

Nach dem zweiten Weltkrieg erfasst jedoch ein neuer Entwicklungsschub die Gesellschaften Mitteleuropas, durch den diese weltanschaulichen Milieus an Bedeutung verlieren, ja abschmelzen. Politisch ist dies allenthalben daran sichtbar, dass den Parteien ihre Stammwähler abhanden kommen. Doch auch die herkömmliche Form katholischen Organisationswesens kommt in eine Krise. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass sich Katholiken in katholischen Organisationen engagieren. Viele andere Momente bekommen eine wachsende Bedeutung für die Engagementbereitschaft: das Anliegen, um das es geht; die Menschen, von denen man angefragt (oder nicht angefragt) wird; räumliche Nähe; biographische Zufälle. Für katholische Christinnen und Christen, die sich sozial engagieren wollen, ist ein Engagement innerhalb des Caritasverbandes nur eine Option unter vielen möglichen. Weltanschauliche Aspekte beeinflussen diese Entscheidung in viel geringerem Maß als noch vor fünfzig Jahren.

 

2. Zukunftschancen verbandlichen Ehrenamts

Was bedeuten diese Beobachtungen für die Zukunft des verbandlichen Ehrenamts, konkret in den Caritaskonferenzen?

 

Zunächst ist zu berücksichtigen, dass gerade die letztere kritische Argumentationslinie aus der Katholizismusforschung die Caritaskonferenzen mit ihrer langen Tradition nur zum Teil trifft. Der Impuls zur Entstehung der Elisabethkonferenzen reicht historisch ja weit hinter die Entstehung des katholischen Verbandswesens zurück. Jene Frauen, die 1840 in Trier den ersten Elisabethverein in Deutschland gründeten, haben die ersten Gehversuche des Deutschen Caritasverbandes um 1897 allesamt nicht mehr erlebt, bestenfalls ihre Töchter. Der Historiker Christoph Sachße, einer der besten Kenner der Geschichte sozialer Arbeit in Deutschland, sieht auch unterschiedliche Grundkonzepte hinter der Entstehung der Elisabethkonferenzen einerseits und derjenigen des deutschen Caritasverbandes andererseits. Die Elisabethkonferenzen sind Ausdruck der Entwicklung einer lokalen Vereinskultur, die sich bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt und die tendenziell alle Lebensbereiche umfasst, auch den der Privatwohltätigkeit. Eine bunte Vielzahl privater wohltätiger Zusammenschlüsse und Einrichtungen entsteht, die eines gemeinsam haben: Sie sind bezogen auf den lokalen Wirkungskreis. Menschen schließen sich zusammen, um soziale Probleme in ihrer Nachbarschaft, in ihrem Stadtviertel, in ihrem unmittelbaren lokalen Umfeld anzugehen. Der Gedanke an eine Koordination mit anderen oder eine Abstimmung mit politischen Maßnahmen liegt ihnen fern. Die unmittelbare Betroffenheit drängt zum Handeln. Im katholischen Umfeld wird in dieser Phase Frankreich zum großen Vorbild. Die Modelle für Schwesternkongregationen ebenso wie für die Laienvereinigungen der Elisabeth- und Vinzenzkonferenzen werden aus der französischen Kirche importiert, so dass man von einer französischen Phase der Caritasentwicklung sprechen könnte.

 

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts werden Tendenzen zu einer Koordination öffentlicher und privater Fürsorgebestrebungen auf gesamtstaatlicher Ebene immer stärker, in deren Zuge auch der Deutsche Caritasverband entsteht. Charakteristisch für diese neuen Vereine ist, dass sich der Bezug von freiwilligem sozialen Engagement und Lokalgemeinschaft allmählich lockert. "Die Bereitschaft zu freiwilliger Arbeit wurde hier nicht mehr über die lokale Selbstverwaltung und die räumliche Nähe zum Problem motiviert, sondern - abstrakter - über Zentralwerte gesteuert und in 'Wertgemeinschaften' organisiert", die bisherigen Formen des sozialen Engagements wurden "entweder von den neu entstehenden zentralisierten Wohlfahrtsverbänden gleichsam aufgesogen oder aber auf eine soziale Nischenexistenz reduziert."

 

Welche dieser beiden Entwicklungen haben die Elisabethkonferenzen genommen? Sie haben sich ab den 1930er Jahren diözesan und überdiözesan organisiert und in den Deutschen Caritasverband integriert, aber wurden sie von ihm aufgesogen? Es scheint eher so, dass sie mit großer Beharrlichkeit auch in diesem verbandlichen Rahmen darauf bedacht waren, ihre besondere Ausprägung als basisnahe, intensiv mit den Pfarrgemeinden vernetzte Gruppen beizubehalten. Dieses gemeinde- und basisnahe Selbstverständnis hat es den Elisabethkonferenzen offenbar ermöglicht, auch unter widrigen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen, wie sie etwa unter dem DDR-Regime herrschten, ein wirksames Engagement zu entfalten. So ist im Caritas-Band der großen, von 'Erwin Gatz herausgegebenen 'Geschichte des kirchlichen Lebens' zu lesen: "In den katholischen Pfarrgemeinden in der DDR wurde durch Jahrzehnte die ehrenamtliche caritative Arbeit wesentlich mitgetragen von den Elisabethkonferenzen (der Frauen), mancherorts auch von Vinzenzkonferenzen (der Männer). Auch die Turbulenzen der Umgestaltung der konfessionellen Wohlfahrtspflege nach der Wende scheinen aufgrund dieser starken Orientierung auf lokale Basisarbeit in den Elisabeth- bzw. nunmehr Caritaskonferenzen weniger wahrgenommen worden zu sein als in anderen Bereichen der Caritasarbeit, ungeachtet der Namensänderung.

 

Dieser kurze historische Rückblick zeigt, dass freiwilliges Engagement schon immer ein vielschichtiges Phänomen darstellte, das sich nicht auf einfache Formeln von 'altem' Ehrenamt und 'neuem' bürgerschaftlichen Engagement reduzieren lässt. Gerade der Bezug auf das Gemeinwohl und die Interessen der Bürger, der heute in den Begründungen bürgerschaftlichen Engagements eine so große Rolle spielt, liegt ironischerweise ursprünglich dem Begriff 'Ehrenamt' zugrunde, wie eine der ältesten Definitionen in einem Lexikon aus dem Jahr 1734 zeigt: "Ehren-Ämter, Ehren-Stellen: Es sind diese Pflichten, die man durch Beiträge solcher Personen, die dazu tüchtig befunden werden und deswegen einen besonderen Vorzug verdienen, auferleget, dem gemeinen Wesen in einem und dem anderen Stande Dienste zu leisten". Auch wenn die Sprache ungewohnt ist, dem Inhalt nach geht es um bürgerschaftliches Engagement.

 

Wenn auch der Blick in die historische Entwicklung des Ehrenamts einfache Phrasen von alt und neu relativiert, stimmt nicht dennoch die skeptische Meinung, dass verbandliches Ehrenamt heute vor dem Problem steht, dass sich die Menschen nicht mehr binden wollen?

 

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Studie zu freiwilliger Arbeit aus Österreich, die im Unterschied zu deutschen Untersuchungen, die nur Momentaufnahmen erlauben, auch Rückschlüsse auf Entwicklungen zulässt. Es handelt sich nämlich um die adaptierte Neuauflage einer Umfrage, die erstmals im Jahr 1982 durchgeführt wurde. Auf den ersten Blick scheinen die Pessimisten Recht zu haben: waren 1982 noch 59 % der Österreicher und Österreicherinnen ehrenamtlich tätig, so sind es knapp zwei Jahrzehnte später nur mehr 51 %. Das ist übrigens ein erheblich höherer Wert als ihn Erhebungen in Deutschland ergeben, wo etwa der Freiwilligensurvey von 1999 auf 34% gekommen ist. Sind gar die Österreicher engagierter als die Deutschen? Ich kann sie beruhigen - der wesentliche Grund für den Unterschied ist die Tatsache, dass ehrenamtliches Engagement unterschiedlich definiert wurde. In der deutschen Untersuchung wurde der Begriff eher eng gefasst, als freiwillige Übernahme von Aufgaben oder Arbeiten in Vereinen, Initiativen, Projekten, Selbsthilfegruppen oder Einrichtungen mit gemeinnütziger Zielsetzung. In der österreichischen Befragung dagegen wurde ehrenamtliche Arbeit sehr weit definiert, als "eine Arbeitsleistung, der kein monetärer Gegenfluss gegenübersteht (die also 'unbezahlt' geleistet wird) und deren Ergebnis KonsumentInnen außerhalb des eigenen Haushalts zufließt." Es wurde nach Tätigkeiten gefragt, die jemand freiwillig und unbezahlt für andere tut, "z.B. bei Veranstaltungen mithelfen, Einkaufen für Nachbarn, als Obmann oder Obfrau tätig sein." Auch Nachbarschaftshilfe außerhalb jeder Organisation ist hier also einbezogen.

 

Aufschlussreich ist nun die Unterscheidung, ob ehrenamtliche Arbeit im Rahmen von Organisationen stattfindet (formelle ehrenamtliche Arbeit), oder ob es sich um Aktivitäten ohne Einbindung in eine Organisation handelt (informelle ehrenamtliche Arbeit). Welche Verschiebungen zwischen formellem und informellem Ehrenamt stattgefunden haben, zeigt am besten ein Blick auf das Gesamtvolumen ehrenamtlicher Arbeit, umgerechnet auf Vollzeit-Anstellungen. Demnach haben Ehrenamtliche im Jahr 2000 beinahe die Leistung einer halben Million Vollbeschäftigter erbracht, wobei sich im Vergleich zu 1982 ein Rückgang um 13,4% ergibt. Dies ist allerdings ausschließlich auf einen erheblichen Rückgang des Volumens informeller ehrenamtlicher Arbeit zurückzuführen, während das Volumen formeller, also organisierter Tätigkeiten sogar um 60 % gestiegen ist. Würde man also unter ehrenamtlicher Arbeit nur die Tätigkeit im Rahmen von Organisationen verstehen, so wäre keineswegs ein Sinken, sondern eine Zunahme ehrenamtlichen Engagements zu verzeichnen, und zwar vor allem im Bereich sozialer Dienste und im religiösen Bereich.

 

Nach wie vor sind also Menschen bereit, sich freiwillig und unentgeltlich zu engagieren. Sie suchen dafür aber zunehmend geeignete organisatorische Rahmenbedingungen, während das spontane Zupacken im unmittelbaren Lebensumfeld seltener wird. Exakt an dieser Schnittstelle zwischen organisierter Tätigkeit und Engagement im unmittelbaren Lebensumfeld stehen die Caritaskonferenzen. Wenn sie diese Chance ergreifen, dürften ihre Zukunftsaussichten keineswegs schlecht sein.

 

3. Verbandliches Ehrenamt zwischen individueller Sinnstiftung und bürgerschaftlichem Engagement

Die Chance verbandlichen Ehrenamts liegt darin, eine Brücke zu schlagen zwischen den beiden Grundideen freiwilligen Engagements, die sich heute hinter den Begriffen 'Freiwilligenarbeit' und 'bürgerschaftliches Engagement' verbergen. Die Begriffe 'Freiwilligenarbeit' oder 'Freiwilligentätigkeit' aber auch 'Ehrenamt' stellen die Neigungen und Interessen des Einzelnen, seine Engagementbereitschaft in den Mittelpunkt. Die Begriffe 'bürgerschaftliches Engagement' thematisieren stärker die Anforderungen der Gesellschaft und den Aspekt des Gemeinwohls.

 

Es ist also nicht nur eine Geschmacksfrage, welche Begriffe jemand verwendet, sondern dahinter verbergen sich unterschiedliche Konzeptionen ehrenamtlicher Tätigkeit, unterschiedliche Begründungsmuster, warum sich jemand engagieren sollte. Adalbert Evers spricht von zwei sich gegenüberstehenden Positionen, von zwei Polen, zwischen denen sich ein Spannungsfeld befindet: "Auf der einen Seite steht ein individualistisch-liberales Verständnis, das Neigungen und Interessen des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt, so dass soziales Engagement einen spezifischen 'Markt der Möglichkeiten' darstellt. Auf der anderen Seite steht ein stärker von der Debatte um Gemeinwohl und Bürgersinn geprägtes Verständnis; es thematisiert soziales Engagement vor allem unter dem Blickpunkt von Anforderungen der Gesellschaft und Gemeinschaft."

 

Innerhalb des ersten Verständnisses denkt man das Ehrenamt vom Individuum aus. Menschen entdecken, dass Beruf und Privat- bzw. Familienleben allein nicht wirklich befriedigen können, dass ein zusätzliches freiwilliges Engagement einen Gewinn an Lebenssinn und Zufriedenheit vermittelt. Je besser es Organisationen gelingt, Freiwilligen dieses positive Gefühl zu vermitteln, desto mehr Ehrenamtliche werden sie haben. Dass hier konsequent von den Fähigkeiten, Interessen und damit der inneren Motivation der Menschen ausgegangen wird, ist eine Stärke dieses Ansatzes. Problematisch ist, dass das Ziel des Engagements offen bleibt, und Ehrenamt zu einer Art persönlichem, völlig unverbindlichem Hobby wird.

 

Innerhalb des zweiten Verständnisses wird von vornherein Engagement und Gemeinwesen zusammengedacht. Menschen leben in einer Gemeinschaft und haben die Aufgabe, diese Gemeinschaft aktiv mitzugestalten. Engagement wird hier als Element der Bürgerschaftlichkeit gesehen, als Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Die Stärke dieses Ansatzes liegt darin, dass hier das Gemeinwohl als Ziel des Engagements klar ist, dass gemeinsame gesellschaftliche Werte eine wesentliche Rolle spielen. Eine Problematik dieses Ansatzes ist nicht nur der moralische Anspruch, mit dem er auf die Menschen zukommt. Die Betonung von Bürgersinn und Bürgerpflichten bekommt zudem häufig eine gegen den Sozialstaat gerichtete Schlagseite. Wenn Politiker die neue 'Bürgergesellschaft' beschwören und mehr Eigenverantwortung und weniger staatliche Bevormundung predigen, gilt es genau hinzusehen, ob hier nicht ehrenamtliches Engagement als Lückenbüßer für den Abbau sozialstaatlicher Leistungen missbraucht zu werden droht.

 

4. Ehrenamt im christlichen Verständnis verbindet Sinnstiftung und Gemeinwohl

Absolut gesetzt führen beide Ansätze in eine Sackgasse. Für ein zukunftsfähiges Ehrenamt gilt es das Verbindende in diesem Spannungsfeld zu sehen. Christen haben es dabei leicht. Sie sind nicht auf die Lektüre langer komplizierter wissenschaftlichen Abhandlungen angewiesen, um hier einen Weg zu finden, sondern sie können aus den einfachen Geschichten ihrer eigenen Tradition schöpfen.

 

Die entscheidende biblische Grundlage jedes Nachdenkens über das Ehrenamt ist das Konzept der Charismen, der Gaben des Geistes, wie es uns in den Paulusbriefen entgegentritt. Dieses Konzept verknüpft konsequent individuelle Kompetenzen mit dem Leben der Gemeinschaft. Wo Paulus den Begriff Charisma einführt, versteht er darunter im wesentlichen einfache Alltagskompetenzen wie trösten, ermahnen, barmherzig sein, dienen, Krankheiten heilen (1 Röm 12,6ff, 1 Kor 12, 4ff). Das Konzept der Charismen geht davon aus, dass jede und jeder Begabungen erhalten hat als Gaben des Geistes Gottes, der allen geschenkt ist (Joel 3, 1-2). Auch wenn in einzelnen Fällen dieser Geist ausgelöscht erscheinen mag (1 Thess 5,19), so ist er doch im tiefsten Inneren da.

 

Charismen sind also nicht irgendwelche speziellen Begabungen, die nur wenige außergewöhnliche Menschen haben. Niemand steht mit völlig leeren Händen da, sondern jedem ist etwas geschenkt, das er anderen weiterschenken kann. Dennoch zielt dieses Konzept nicht auf die persönliche Befriedigung des einzelnen, sondern auf die Gemeinschaft. Der entscheidende Punkt ist, dass der Gemeinschaft der Glaubenden alle Gaben geschenkt sind, die sie für ihr Leben und zur Erreichung ihrer Ziele braucht. Mit den Gaben die wir erhalten haben, sollen wir anderen Menschen von Nutzen zu sein.

 

Bereits der große Impulsgeber für die Elisabeth-, Vinzenz- und Caritaskonferenzen, Frederic Ozanam, hat dieses 'anderen von Nutzen sein' nicht nur auf den kirchlichen Binnenraum bezogen, sondern auf die gesamte Gesellschaft. 1834 schreibt er in einem Brief: "Wir sind noch zu jung, um am sozialen Kampfe teilzunehmen. Sollten wir aber deshalb mitten in einer leiderfüllten Welt untätig bleiben? Nein, es gibt für uns eine Vorschule: Bevor wir für das öffentliche Wohl wirken, können wir versuchen, einzelnen wohlzutun; bevor wir Frankreich neu gestalten, können wir einigen seiner Armen zu Hilfe eilen." Sein Engagement zielt also klar über den Bereich der persönlichen Begegnung hinaus auf die Gestaltung des Gemeinwesens, der Gesellschaft. Doch woraus wächst dieses Engagement? Nicht aus politischem Kalkül sondern aus dem Glauben heraus. "Die Lebenskraft unseres Glaubens muss sich in Werken der Liebe erweisen!", ruft er seinen ersten Gefährten zu.

 

Sind die Caritaskonferenzen diesem Vermächtnis treu geblieben? Geht man von den vor zwei Jahren beschlossenen Leitgedanken aus, so kann man dies durchaus mit ja beantworten, auch wenn der jugendliche Überschwang Ozanams, der ganz Frankreich neu gestalten wollte, mit der Weisheit der Jahre einer bescheideneren Sprache gewichen ist: Die Caritaskonferenzen wollen "in Kirche und Gesellschaft hineinwirken" (3), "der Not der Menschen gezielt entgegenwirken durch die Veränderung gesellschaftlicher und sozialer Rahmenbedingungen" (22), sich mit Nachdruck einsetzen "für Gerechtigkeit und Solidarität" in den Gemeinden, im eigenen Land und weltweit. (23) Andererseits wird dieses Engagement begründet aus dem Evangelium, es wird verstanden als Verwirklichung des Auftrags der Kirche, Gottesliebe und Nächstenliebe in dieser Welt präsent zu halten. (2) Ausdrücklich wird betont, dass die Begegnungen mit Menschen in dieser Tätigkeit persönlich bereichernd sind, dass die "Freude am helfenden Tun" Kraft für diesen Dienst gibt. (14)

 

5. Verbandliches Ehrenamt als vermittelnde Kraft

Um persönliche Interessen und Gesellschaftsgestaltung dauerhaft zu verbinden, braucht es ein Instrument der Vermittlung. Verbände haben nach Auffassung der Politikwissenschaft exakt diese Rolle. Sie organisieren die Interessen einzelner, um sie in der Öffentlichkeit zur Geltung zu bringen. Wenn Frederic Ozanam mit seinen Gefährten verarmte Menschen besuchte um ihnen konkret zu helfen, so verstand er dies als einen wichtigen Schritt, bei dem er allerdings nicht stehen bleiben will. Sein Ziel ist eine Organisation, die stark genug ist, um die gesamte Gesellschaft mitzugestalten. Es steht in seiner Tradition, wenn das verbandliche Ehrenamt im Sinne der CKD eine Mittlerfunktion einnimmt zwischen dem vielen Guten, das oft auch informell, in persönlichen Begegnungen geschieht, und dem öffentlichem Leben.

 

Mittlerfunktion meint keine Einbahnstraße, sondern eine Bewegung in zwei Richtungen. Zum einen hat der Verband die Aufgabe, die Interessen der Mitglieder und ihre Erfahrungen aus der privaten Sphäre in die Öffentlichkeit zu transportieren. Zum anderen hat er die Aufgaben, seine eigenen Mitglieder in ihren Kompetenzen und Fähigkeiten zu stärken, "die Begabungen und Fähigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufzugreifen und weiterzuentwickeln", wie es in den Leitgedanken der CKD heißt. (24).

 

Als Teil eines Wohlfahrtsverbandes haben die Caritaskonferenzen jedoch eine Besonderheit, die sie von Sportverbänden und Berufsverbänden unterscheidet. Es geht ja letztlich nicht um die Vertretung der Eigeninteressen der Mitglieder, sondern diese arbeiten ja im Interesse anderer: im Interesse von Menschen in vielfältigen sozialen Problemlagen. Deren Bedürfnisse müssen im Mittelpunkt stehen, eine Verbesserung ihrer Lebenssituation und ihrer Lebenschancen ist das erste Ziel der gesamten Tätigkeit. Zum einen ist der Verband das Instrument der Anwaltschaft für diese Menschen, die sonst häufig kein Gehör im gesellschaftlichen Leben finden. Zum anderen sind es die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der CKD, die diesen Menschen Hoffnung vermitteln, die durch ihre Tätigkeit die Botschaft vermitteln, dass uns von Gott her ein 'Leben in Fülle' (Joh 10,10) verheißen ist. Mittler, Boten der guten Nachrichten Gottes werden in der Bibel gerne Engel genannt. Seien Sie solche Engel für Menschen, die es schwer im Leben haben.